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Wir brauchen eine „neue“ Mitte

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von Norbert Geidies


Wir müssen die Interessen der gesellschaftlichen Mehrheit ernst nehmen

In der politischen Debatte ist der Begriff der „Mitte der Gesellschaft“ zu einem zentralen Bezugspunkt geworden. Kaum ein politisches Programm kommt ohne den Anspruch aus, diese Mitte zu entlasten oder zu stärken.

Gerade für sozialdemokratische Politik stellt sich jedoch zunehmend die Frage, ob das, was politisch als Mitte bezeichnet wird und für diese Politik gemacht wird, noch der sozialen Realität der Mehrheit der Menschen entspricht.

Ein Blick auf die Einkommensstruktur zeigt, dass hier eine wachsende Diskrepanz entstanden ist. Der Median-Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten liegt laut Daten des Statistischen Bundesamtes bei rund 52.000 Euro jährlich.

Doch dieser Wert bildet nicht die tatsächliche Mitte der Gesellschaft ab, weil er ausschließlich Vollzeitbeschäftigte berücksichtigt.

Betrachtet man alle Einkommen gemeinsam, liegt die reale „Einkommensmitte“ der Gesellschaft deutlich darunter.

Das Statistische Bundesamt zeigt, dass 2019 etwas weniger als 50 Prozent der Einkommensteuerpflichtigen über maximal 30.000 Euro verfügten. Weitere 31 Prozent lagen zwischen 30.000 und 50.000 Euro.

Das bedeutet: Rund 79 Prozent erzielen weniger als das statistische Durchschnittseinkommen und gehören somit nicht zu jener politisch gepflegten „Einkommensmitte“, von der häufig die Rede ist.

Zum Vergleich: Etwas mehr als drei Millionen Menschen verfügen über Jahreseinkünfte von 100.000 Euro oder mehr. Das sind rund 7,5 Prozent aller Einkommensteuerpflichtigen in Deutschland. Zu dieser Gruppe gehören auch die Parlamentsabgeordneten.

Teilzeitbeschäftigte, Rentnerinnen und Rentner, geringfügig Beschäftigte sowie Menschen mit unsteten Erwerbsbiografien senken den Gesamtdurchschnitt beziehungsweise werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig ausgeblendet.

Akademiker und Angehörige hochqualifizierter Berufe verdienen im Durchschnitt rund 5.500 Euro monatlich, Beschäftigte mit Berufsausbildung etwa 3.500 Euro.

Anfang 2026 galten rund 16,1 Prozent der Bevölkerung – etwa 13,3 Millionen Menschen – als armutsgefährdet, das heißt mit weniger als 17.000 Euro Jahreseinkommen.


Wer definiert heute die gesellschaftliche Mitte?

Parallel hat sich die gesellschaftliche Selbstbeschreibung der Mittelschicht verändert.

Der Begriff „Mitte“ wird heute häufig nicht mehr primär über Einkommen definiert, sondern über kulturelle und leistungsbezogene Merkmale. Gemeint sind Menschen mit hoher formaler Bildung, stabilen Erwerbsbiografien, akademischen oder hochqualifizierten Berufen sowie einer starken Orientierung an individueller Leistung, Aufstieg und Selbstverwirklichung.

Diese, gelegentlich zum Narzissmus neigende Gruppe versteht sich häufig als Leistungsträger der Gesellschaft und prägt damit auch den öffentlichen Diskurs über die gesellschaftliche Mitte.

Diese kulturell selbstdefinierte Mittelschicht hat eine relativ spezifische soziale und berufliche Herkunft. Sie rekrutiert sich überdurchschnittlich aus Haushalten mit bereits vorhandenen Bildungsressourcen, stabilen Vermögensstrukturen, entsprechenden Einkommen und einer hohen Nähe zu Institutionen des Staates, der Wissenschaft oder der Wirtschaft.

Viele Angehörige dieser Gruppe arbeiten in Bereichen wie Medien, Verwaltung, Bildung, Wissenschaft, Beratung, Verbänden oder wissensintensiven Dienstleistungen.

Ein Teil dieser Gruppe sitzt selbst in Parlamenten. Damit ist sie überdurchschnittlich stark in jenen Bereichen vertreten, in denen gesellschaftliche Deutungen, politische Programme und öffentliche Meinungen entstehen und verbreitet werden.

Diese strukturelle Nähe zu Institutionen der Meinungsbildung verleiht ihr erheblichen Einfluss auf politische Debatten. Journalismus, Wissenschaft, politische Beratung, zivilgesellschaftliche Organisationen und große Teile der politischen Parteien werden maßgeblich von Menschen geprägt, deren berufliche und soziale Erfahrungen genau aus diesem Milieu stammen.

Das muss nicht zwangsläufig zu bewussten politischen Entscheidungen zugunsten dieser Gruppe führen. Es kann jedoch dazu beitragen, dass der Fokus von dringend notwendigen Reformen auf gesetzliche Initiativen verschoben wird, die vor allem die eigene Einflusssphäre betreffen.

Dadurch verändert sich die Wahrnehmung dessen, was als gesellschaftliche Normalität gilt und welche politischen Probleme als besonders dringlich erscheinen. Dies führt zu einem Stau notwendiger Reformen.


Die tatsächliche Lebensrealität vieler Menschen

Die Lebensrealität von Haushalten mit stabilen, qualifizierten Erwerbsbiografien und höheren Einkommen wird leichter zur politischen Referenz für die „gesellschaftliche Mitte“, während andere Lebenslagen weniger sichtbar werden.

Die Perspektiven vieler Facharbeiter, Beschäftigter im Dienstleistungssektor oder kleiner Selbstständiger finden sich in öffentlichen Debatten deutlich seltener wieder.

Erwerbsbiografien mit häufiger Teilzeit, geringeren Einkommen, körperlich belastender Arbeit oder unsicheren Beschäftigungsverhältnissen treten im politischen Diskurs selten als Maßstab für politische Entscheidungen auf. Dadurch verschiebt sich auch die Bedeutung des Begriffs „Mitte“.

Wenn Politiker – gleich welcher Partei – von der „Entlastung der Mitte“ sprechen, richten sie sich häufig an Haushalte mit deutlich höheren finanziellen Spielräumen.

Förderprogramme für Wohneigentum, steuerliche Vorteile für bestimmte Investitionen oder staatliche Zuschüsse beim Kauf neuer Technologien wie E-Autos, Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen setzen oft voraus, dass Menschen überhaupt in der Lage sind, größere Anschaffungen zu tätigen.

Davon profitieren in vielen Fällen vor allem Haushalte mit stabilen und überdurchschnittlichen Einkommen, also eher Teile der oberen Mittelschicht als die tatsächliche Mitte der Gesellschaft.


Die „neue“ Mitte

Hier liegt das eigentliche Problem.

Wenn politische Sprache die Mitte beschwört, konkrete Maßnahmen aber große Teile der Bevölkerung gar nicht erreichen können, entsteht eine Lücke zwischen politischem Diskurs und sozialer Wirklichkeit.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Lebensrealität in politischen Debatten nicht mehr vorkommt.

Gerade für die Sozialdemokratie ist diese Entwicklung besonders heikel, weil ihr historisches Selbstverständnis seit Bad Godesberg darin bestand, die Interessen der breiten arbeitenden Bevölkerung zu vertreten und sich als Volkspartei zu verstehen.

Es braucht deshalb eine realistische Neudefinition dessen, was heute unter der gesellschaftlichen Mitte verstanden wird.

Die häufig zitierte Mitte besteht nicht aus einer kleinen Gruppe stabiler Aufsteigerhaushalte mit hohen Investitionsmöglichkeiten oder aus einer kulturell homogenen Leistungsschicht.

Diese „neue“ Mitte besteht vielmehr aus der großen Mehrheit der Menschen, die ihren Lebensunterhalt durch tägliche Arbeit sichern und deren wirtschaftliche Stabilität von verlässlichen Einkommen, bezahlbarem Wohnen, funktionierender Infrastruktur und einer sicheren Altersvorsorge abhängt.

Dazu gehören Facharbeiter, Angestellte, Beschäftigte im Dienstleistungssektor ebenso wie viele Teilzeitbeschäftigte, Pflegekräfte, Verkäuferinnen und Verkäufer, Handwerker sowie kleine Gewerbetreibende.

Politik für diese „neue“ Mitte bedeutet deshalb etwas anderes als punktuelle Förderprogramme für einzelne Investitionen.

Für viele Menschen besteht Entlastung nicht in staatlichen Zuschüssen für größere Anschaffungen, sondern in stabilen Lebensbedingungen: bezahlbaren Mieten, verlässlichen Rentenperspektiven, einer Steuerpolitik, die Arbeitseinkommen fair behandelt, sowie einer funktionierenden öffentlichen Infrastruktur in Städten und Gemeinden.

Gerade Kommunen zeigen sehr konkret, wo die tatsächlichen Herausforderungen liegen: bei der Qualität von Schulen und Kitas, bei Mobilität, bei der medizinischen Versorgung und bei sicheren Arbeitsplätzen.

Eine Politik, die die Mitte stärken will, muss deshalb stärker an diesen realen Lebensbedingungen ansetzen.

Die politische Aufgabe besteht darin, den Begriff der Mitte wieder mit der sozialen Realität der Mehrheit der Bevölkerung zu verbinden.

Die Mitte der Gesellschaft ist größer und vielfältiger, als politische Debatten häufig suggerieren.

Sie umfasst die breite arbeitende Bevölkerung, deren Beitrag das Fundament unseres Gemeinwesens bildet.

Eine Politik, die diese Mitte ernst nimmt, stärkt nicht nur die soziale Stabilität. Sie schafft auch Vertrauen in demokratische Institutionen.

Denn politische Begriffe gewinnen ihre Glaubwürdigkeit nur dann, wenn sich die Menschen, für die sie gelten sollen, tatsächlich darin wiederfinden können.

Dann haben auch die politischen Extreme mit ihrer Propaganda weniger Chancen.


Nachsatz vom 22. März 2026

Die Wahlergebnisse in Rheinland-Pfalz und zuvor in Baden-Württemberg sind weitere Bausteine eines Niedergangs, der bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten begonnen hat.

Auch der Verlust des Münchner Rathauses ist nicht allein den angeblich „undankbaren“ Wählern anzulasten.

Es wird Zeit, dass die Basis aufbegehrt. Resignieren ist keine Alternative.

Ein Austritt erst recht nicht.

Gefragt sind jetzt nicht nur die heute Aktiven, sondern auch passive Mitglieder sowie ehemalige Funktions- und Mandatsträger.

Der Niedergang der Partei erfolgt nicht mehr zentimeterweise. Er macht inzwischen Meterschritte.

Das können wir alle nicht wollen.

Und die nächsten Wahlen im Osten werden kaum Anlass zum Jubeln geben.

An die Wahlen in den traditionellen SPD-Hochburgen möchte ich gar nicht denken.

WIR MÜSSEN LAUT WERDEN, wenn uns die SPD noch etwas bedeutet.

#NorbertGeidies #NeueMitte #SozialeGerechtigkeit #Sozialdemokratie #SPD #Demokratie #Arbeitnehmer #Mittelschicht #Gesellschaftspolitik #Politik

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