von Jochen Welt
Die Nachricht vom Tod Peter Borggraefes erfüllt mich mit großer Trauer.
Mit ihm verliert Recklinghausen einen außergewöhnlichen Gestalter seiner jüngeren Stadtgeschichte. Ich verliere einen langjährigen Weggefährten, mit dem ich elf Jahre lang gemeinsam Verantwortung für unsere Stadt tragen durfte.
Von 1987 bis 1998 standen wir gemeinsam an der Spitze Recklinghausens – Peter Borggraefe als Stadtdirektor und Leiter der Verwaltung, ich als ehrenamtlicher Bürgermeister. Wir bildeten eine Doppelspitze, die in unserer Stadt nicht nur funktionierte, sondern sich bewährte. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätte die damalige SPD-Landesregierung dieses Modell nicht abgeschafft.
Unsere Zusammenarbeit beruhte auf einer klaren Rollenverteilung und einem tiefen gegenseitigen Vertrauen. Peter führte die Verwaltung, entwickelte Initiativen, erschloss Netzwerke und brachte seine großen Erfahrungen aus Düsseldorf ein. Ich konnte mich auf die Menschen konzentrieren – auf die Stadtteile, die Betriebe, die Vereine, Verbände und die vielen ehrenamtlich Engagierten. Gerade diese Arbeitsteilung machte uns erfolgreich. Wir waren keine Konkurrenten, sondern Partner mit einem gemeinsamen Ziel: das Beste für Recklinghausen zu erreichen.
Wir waren nicht im klassischen Sinne enge Freunde. Aber elf Jahre gemeinsamer Verantwortung schaffen eine besondere Verbundenheit. Unsere Zusammenarbeit war geprägt von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und Loyalität. Das war die Grundlage für vieles, was in dieser Zeit für unsere Stadt entstanden ist.
Mit Peter Borggraefes Namen bleiben bedeutende Entwicklungen verbunden. Von der Ansiedlung der Justizakademie, dem Bau der Fachhochschule bis hin zur Erneuerung der Ruhrfestspiele. In zahlreichen weiteren Projekte, die unsere Stadt bis heute prägen, erkennt man seine Handschrift. Seine Fähigkeit, politische Entscheider zusammenzuführen und seine Netzwerke zum Wohle Recklinghausens einzusetzen, war außergewöhnlich.
Doch wer Peter nur als Verwaltungschef kannte, kannte nur einen Teil seiner Persönlichkeit.
So war für ihn Städtepartnerschaft gelebte Solidarität. Das wurde mir besonders während des Golfkrieges 1991 deutlich, als irakische Raketen Israel erreichten. Gemeinsam reisten wir damals in unsere Partnerstadt Akko und erlebten dort mit unseren israelischen Freunden die Raketenalarme. Die gemeinsame Zeit dort und die Stunden in den Luftschutzräumen haben mir gezeigt, wie tief Solidarität in Peters Wesen verankert war. Sie war für ihn kein politisches Schlagwort, sondern eine Haltung, die auch dann Bestand hatte, wenn sie Mut verlangte. Diese gemeinsamen Tage haben mir eine besonders menschliche Seite von ihm gezeigt.
Ebenso unvergessen bleibt sein persönlicher Einsatz unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung. Als unsere neue Partnerstadt Schmalkalden dringend Hilfe benötigte, organisierte Peter in kürzester Zeit medizinische Hilfsgüter – unter anderem bei der damaligen Firma Hartmann – und setzte sich anschließend selbst ans Steuer seines Bullis, um die erste Lieferung nach Thüringen zu bringen. Das war typisch für ihn: Er organisierte nicht nur, er handelte.
Hinter dem oft nüchtern und pflichtbewusst auftretenden Verwaltungschef verbarg sich zudem ein feiner Humor. In geselliger Runde war er ein glänzender Erzähler, der mit trockenem Witz und großer Freude Anekdoten aus seinem politischen Leben und seiner Düsseldorfer Zeit schilderte. Wer ihm zuhörte, verstand schnell, weshalb er dort den ebenso respektvollen wie augenzwinkernden Spitznamen „Kardinal“ trug.
Und dann war da noch der leidenschaftliche Historiker. Fast schelmisch, aber voller berechtigten Stolzes, stand er immer wieder in der Tür meines Bürgermeisterbüros und berichtete von einer neuen Entdeckung zur Geschichte Recklinghausens oder der Region. Seine Begeisterung war ansteckend. Ob die erste deutsche Übersetzung des jüdischen Talmuds durch den Recklinghäuser Christianus Gerson, neue Erkenntnisse zur Regionalgeschichte oder seine Forschungen zur Kirchengeschichte – Peter konnte darüber mit leuchtenden Augen erzählen.
Besonders eindrucksvoll habe ich das noch einmal in Akko erlebt. Nach den offiziellen Reden überraschte er die Gäste mit der historischen Entdeckung, dass ein römischer Heerführer, der einst vor Akko lagerte, Jahre zuvor bereits im Römerlager Haltern stationiert gewesen war. Geschichte war für Peter niemals bloße Vergangenheit. Er verstand es, scheinbar weit auseinanderliegende Orte und Zeiten miteinander zu verbinden und daraus Identität im Jetzt zu stiften.
Ebenso lebhaft erinnere ich mich an seinen beinahe nächtlichen Anruf voller Begeisterung. Er hatte das Sterbebett Annette von Droste-Hülshoffs aufgespürt. Nun müsse schnell ein Sponsor gefunden werden, damit dieses kulturhistorische Zeugnis erhalten werden könne. Das war Peter Borggraefe: leidenschaftlich, beharrlich und voller Begeisterung für Geschichte und Kultur.
Diese Begeisterung entsprang seiner tiefen Überzeugung, dass eine Stadt ihre Zukunft nur gestalten kann, wenn sie ihre Geschichte kennt und ihre Wurzeln bewahrt.
Peter Borggraefe war ein Sozialdemokrat alten Schlages. Heimatverbundenheit, Bildung, Solidarität, Pflichtgefühl, Zuverlässigkeit und Loyalität waren für ihn keine Begriffe aus Sonntagsreden, sondern gelebte Werte. Vielleicht beschreibt ihn deshalb ein Ausdruck besonders treffend: Er war ein preußischer Sozialdemokrat – pflichtbewusst, bescheiden, zuverlässig, loyal und zugleich den Menschen zutiefst zugewandt.
Recklinghausen hat Peter Borggraefe viel zu verdanken. Ich werde ihn als klugen Gestalter unserer Stadt, als leidenschaftlichen Historiker, als humorvollen Gesprächspartner und als verlässlichen Partner in gemeinsamer Verantwortung in dankbarer Erinnerung behalten.
Meine Gedanken sind bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.
Danke, Peter, dass wir ein Stück unseres Lebensweges gemeinsam gehen durften. Ich bin sicher: So wie ich werden auch Deine vielen Freunde und Wegbegleiter Dich nicht vergessen.
Zum Bild: Grundsteinlegung der Fachhochschule Recklinghausen (1998): Stadtdirektor Peter Borggraefe, Ministerpräsident Johannes Rau und Bürgermeister Jochen Welt. Die Ansiedlung des Hochschulstandortes zählt zu den bleibenden Verdiensten Peter Borggraefes.