Offene Debatte
Beiträge zur Meinungsfreiheit, Willensbildung und Demokratie
Norbert Geidies
Die Debatte ist erwünscht! Bild KI-Generiert 11. August 2026
Einleitung
Der Zustand der Sozialdemokratie wird seit Jahren fast ausschließlich an den Ergebnissen bundespolitischer Wahlen und den Entscheidungen der Parteiführung in Berlin gemessen.
Fällt die SPD in Umfragen oder Wahlen zurück, scheint der Verursacher schnell gefunden, der Parteivorstand, die Bundesregierung oder einzelne Führungspersönlichkeiten.
Zweifelsohne tragen politische Fehlentscheidungen, mangelnde Führung und kommunikative Defizite ihren Anteil an der gegenwärtigen Krise. Wer politische Verantwortung übernimmt, muss sich dieser Verantwortung auch stellen. Doch diese Erklärung greift zu kurz.
Sie verkennt, dass der Vertrauensverlust der SPD tiefer reicht und lange vor den aktuellen Auseinandersetzungen in Berlin begonnen hat. Die Bundespolitik ist deshalb so präsent, weil sie täglich mediale Aufmerksamkeit erfährt. Landes- und Kommunalpolitik finden dagegen weit weniger öffentliche Beachtung.
Das ändert jedoch nichts daran, dass auch dort der schleichende Bedeutungsverlust der Partei sichtbar geworden ist. Er ist nicht Ursache der Krise, sondern Ausdruck derselben Entwicklung. Die unbequeme Wahrheit lautet, die Probleme der Sozialdemokratie beginnen nicht erst an der Spitze. Sie beginnen dort, wo die Partei ihre gesellschaftliche Verankerung verliert – an ihrer Basis.
Die SPD verstand sich immer als Mitgliederpartei. Ihre Stärke bestand nicht allein aus guten Programmen oder charismatischen Persönlichkeiten, sondern aus tausenden Frauen und Männern, die in Ortsvereinen, Stadtverbänden, Unterbezirken politische Verantwortung übernahmen. Sie organisierten Diskussionen, entwickelten politische Ideen, warben um neue Mitglieder, pflegten den Kontakt zu Vereinen, Gewerkschaften und Initiativen und machten die Sozialdemokratie vor Ort sichtbar und ansprechbar.
Gerade diese tragende Säule befindet sich heute in einem schleichenden Erosionsprozess.
Zwar wird dieser häufig mit der demografischen Entwicklung erklärt. Tatsächlich reicht diese Erklärung aber nicht aus, wenn es vielfach im jeweiligen selben Zeitraum mehr Austritte gab. Die Zahl neuer Mitglieder bleibt gering, während erfahrene Mitglieder die Partei verlassen oder ihre aktive Mitarbeit aufkündigen.
Gleichzeitig nimmt, auch bei neu gewonnenen Mitgliedern, vielerorts die Bereitschaft ab, politische Verantwortung dauerhaft zu übernehmen. Die oft mühsame Kärrnerarbeit an der Basis verliert an Attraktivität. Sitzungen werden verwaltet statt gestaltet, politische Debatten seltener oder gar nicht geführt und die Entwicklung neuer Ideen erscheint manchem aufwendiger als deren Unterlassung. Wo Verantwortungsbereitschaft schwindet, entsteht ein Vakuum. Dieses wird allzu häufig mit einem einfachen Erklärungsmodell gefüllt: Berlin ist schuld. Diese Sichtweise entlastet die eigene Ebene, verhindert aber jede ehrliche Selbstkritik.
Wer die Ursachen einer Krise ausschließlich bei anderen sucht, braucht das eigene Handeln nicht zu hinterfragen. So entsteht eine Kultur der Verantwortungsverlagerung, in der Probleme beschrieben, aber nicht mehr gelöst werden.
Die heutige politische Kultur – im Allgemeinen – ist zunehmend geprägt von einem einfachen Mechanismus:
• Geht etwas gut, wird es als eigener Erfolg verbucht.
• Geht etwas schief, sind andere verantwortlich.
• Kritik richtet sich nach oben, auf Mittelebenen auch nach unten.
• Selbstreflektion findet kaum noch statt.
Das ist mehr als ein Organisationsproblem. Es ist eine Krise der politischen Verantwortungskultur.
Gerade darin liegt eine der größten Gefahren für die Zukunft der Sozialdemokratie.
Eine Mitgliederpartei erneuert sich nicht von oben. Sie erneuert sich von unten. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, politische Arbeit zu leisten und ihre Partei vor Ort mit Leben zu erfüllen. Wo dieses Verantwortungsbewusstsein schwindet, helfen weder bessere Kommunikation noch neue Kampagnen oder personelle Wechsel an der Spitze. Sie können Symptome lindern, nicht aber die Ursachen beseitigen.
Die Erneuerung der SPD beginnt nicht in Berlin.
Wer die Sozialdemokratie erneuern will, muss bereit sein, zunächst die eigenen Strukturen, die eigene Kultur und das eigene Verständnis politischen Ehrenamtes kritisch zu hinterfragen. Sie beginnt dort, wo Sozialdemokratie jeden Tag gelebt werden muss, in den Ortsvereinen, den Stadt- und Gemeindeverbänden, den Unterbezirken – und bei jedem einzelnen Mitglied, das bereit ist, Verantwortung nicht als Belastung, sondern als demokratische Verpflichtung zu verstehen.
„Die Stärke einer demokratischen Partei zeigt sich nicht daran, wie laut sie
Verantwortung einfordert, sondern daran, wie bereit sie ist, Verantwortung bei sich selbst zu suchen.“
Ein Plädoyer für ein anderes Verständnis des politischen Ehrenamtes
Die öffentliche Debatte beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum das Vertrauen in Parteien, Institutionen und Demokratie schwindet. Meist werden die Ursachen in einer unzureichenden Kommunikation gesucht. Politiker müssten besser erklären, häufiger zuhören oder moderner kommunizieren. Sicher ist daran etwas richtig. Doch auch diese Diagnose greift zu kurz.
Unsere Demokratie leidet weniger unter einem Mangel an Kommunikation als unter einem Mangel an Verantwortung.
Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Verantwortung ist zu einem schwierigen Begriff geworden. Er verlangt Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Pflichtbewusstsein und die Bereitschaft, die Folgen des eigenen Handelns zu tragen. Genau diese Tugenden stehen jedoch immer häufiger hinter Begriffen wie Selbstverwirklichung, Sichtbarkeit oder Work-Life-Balance zurück. Und letztlich die Frage, „Was habe ich davon?“
Verantwortung wird zunehmend als Einschränkung persönlicher Freiheit empfunden, nicht mehr als Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie.
Diese Entwicklung macht auch vor politischen Parteien nicht halt. Gerade das politische Ehrenamt zeigt, wie sich das Verständnis von Verantwortung verändert hat.
Niemand opfert seine Freizeit. Wer für ein Parteiamt kandidiert, entscheidet sich freiwillig.
Immer häufiger wird die Übernahme einer Funktion mit dem Hinweis verbunden, man opfere schließlich seine Freizeit für die Partei.
Diese Formulierung offenbart ein fragwürdiges Rollenverständnis.
Niemand wird gezwungen, Vorsitzende/r, Kassierer/in oder Beisitzer/in zu werden. Wer sich zur Wahl stellt und gewählt wird, übernimmt bewusst einen Auftrag.
Dieser Auftrag besteht nicht darin, Zeit abzusitzen oder sich auf angenehmen Veranstaltungen zu zeigen. Er besteht darin, Verantwortung zu übernehmen.
Genau darin liegt der Unterschied.
Das Ehrenamt ist keine Auszeichnung. Es ist kein persönliches Projekt. Es ist auch kein Anspruch auf Dankbarkeit.
Es ist die freiwillige Übernahme einer Verpflichtung gegenüber den Mitgliedern, gegenüber der Partei und letztlich gegenüber der Demokratie.Diese Haltung war über Generationen selbstverständlich. Die Sozialdemokratie entstand nicht aus einem Überangebot an Freizeit. Die Frauen und Männer der frühen Arbeiterbewegung und auch spätere Generationen verfügten, in einer 50 Arbeitsstunden-Woche, kaum über freie Zeit, hatten wenig Geld und schlechte Lebensbedingungen. Dennoch organisierten sie Versammlungen, Bildungsvereine, Gewerkschaften und politische Arbeit. Nicht, weil es bequem war. Nicht, weil es Anerkennung versprach. Sondern weil sie überzeugt waren, dass Demokratie Menschen braucht, die Verantwortung übernehmen.
Dieses Ethos ist in der heutigen Zeit verloren gegangen.