
Es gab eine Zeit, da war der 1. Mai kein Event. Er war ein Statement.
Ich erinnere mich an Demonstrationszüge, die diesen Namen verdienten: TausendMenschen, Schulter an Schulter, vom Gewerkschaftshaus durch Recklinghausen hinauf zum Festspielhaus. Keine Folklore, kein Beiwerk – sondern gelebte Überzeugung. Man wusste, warum man ging. Und für wen.
Heute? Ein Häufchen von vielleicht einigen hundert Unentwegten. Ein symbolischer Spaziergang. Begleitet von fragenden Blicken, gelegentlichem Kopfschütteln – und einer wachsenden Gleichgültigkeit. Die große Erzählung ist leise geworden. Vielleicht zu leise.
Dabei war sie einmal kraftvoll: „Kohle für Kunst“ – mehr als ein Slogan. Eine Haltung. Bergleute, die in der Nachkriegszeit ihre eigene Not zurückstellen, um Theaterleuten aus Hamburg zu helfen. Heimlich. Gegen Widerstände. Für die Überzeugung, dass Kultur kein Luxus ist. Das war Solidarität, die nicht erklärt werden musste. Sie war da. Heute wird sie erklärt. In Reden. Beschworen. Verteidigt.
Die Reden sind gut, durchdacht, engagiert. Auch in diesem Jahr. Und doch bleibt etwas auf der Strecke. Denn Worte erreichen Menschen nur dann, wenn sie an Erfahrungen andocken. Wenn sie etwas benennen, das man selbst kennt. Eine Geschichte, an der man irgendwie beteiligt ist. Aber genau das fehlt zunehmend.
Nach dem Eintreffen des Demonstrationszuges an der Haupttribüne des Volksfstes der Ruhrfestpiele zum 1. Mai geht ein etwa 30jähriger Familienvater mit Ehefrau und Kind an mir vorbei. Dann ein beiläufig hingeworfener Satz der eigentlich alles sagt:
„Dass ich mir so einen Scheiß hier antun muss.“
Eigentlich ein Grund zur Empörung. Oder man erkennt darin ein Symptom. Die Errungenschaften der Vergangenheit werden konsumiert wie Selbstverständlichkeiten. Arbeitnehmerrechte, soziale Sicherheit, Mitbestimmung – alles da. Alles normal. Alles „gegeben“. Viele Menschen erleben Solidarität nicht mehr als Teil ihres Alltags. Sie erleben sie nicht als Notwendigkeit. Und was man nicht erlebt, das verliert an Bedeutung. Das ist das eigentliche Problem. Eine Erinnerungskultur kann zwar helfen. Aber Solidarität entsteht eben nicht allein aus Erinnerung. Und auch nicht aus Appellen. Sie entsteht aus gemeinsamen Erfahrungen.
Die Generation der Bergleute hatte ihre Kämpfe. Strukturwandel, Zechenschließungen, existenzielle Unsicherheit. Wie häufig wurde gegen die Schließungen des Pütts und die Betriebe der Zulieferer denomonstriert. Wie oft haben wir gemeinsam Angst und Hoffnung erlebt. Daraus wuchs Zusammenhalt – nicht, weil man ihn beschworen hat, sondern weil man ihn brauchte.
Heute stehen wir doch eigentlich vor noch größeren Herausforderungen: soziale Verwerfungen, Vermögensungleichheit, demografischer Wandel, Klimawandel, Kriege, Migration, Digitalisierung. Themen, die uns alle betreffen – und die dennoch selten gemeinsam bearbeitet werden. Stattdessen leben wir zunehmend leidend nebeneinander- mit diesen Problemen. In unterschiedlichen Wirklichkeiten. Ohne verbindende Erfahrungen. Ohne gemeinsame Geschichten. Und die Politik nicht nur im Bund? Sie bedient am liebsten einzelne Blasen ohne das Verbindende zu finden.
Und genau hier, bei der Frage der Bewältigung von Herausforderungen und der Gestaltung von Zukunft, entscheidet sich, ob Solidarität wieder stärker gelebt wird.
Eine Gesellschaft lebt davon, dass Menschen etwas miteinander erleben. Probleme lösen. Konflikte aushalten. Verantwortung teilen. Dort entsteht Identifikation. Dort entsteht Zusammenhalt. Nicht im Rückblick allein– sondern im gemeinsamen Tun.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Aufgabe des 1. Mai heute:
Nicht nur zu erinnern, sondern neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Nicht nur Geschichte zu erzählen, sondern neue Geschichten zu schaffen.
Geschichten, in denen Menschen sich wiederfinden können. Geschichten, die zeigen, dass Zusammenarbeit möglich ist. Dass Unterschiede nicht trennen müssen. Dass gemeinsames Handeln Wirkung hat.
Die Zersplitterung unserer Gesellschaft ist real. Aber sie ist kein Schicksal. Wir können sie überwinden – wenn wir anfangen, wieder gemeinsam zu handeln und wieder gemeinsame Erfahrungen machen und so auch leitende gemeinsame Narrative haben.
Das ist der Auftrag. Für alle die sich gesellschaftlich engagieren. Die wollen, dass Demokratie und Gemeinsinn leben. In unseren Städten. In unseren Stadtteilen. In Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften. Dort, wo Menschen sich begegnen – nicht als Vertreter von Meinungen, sondern als Mitgestalter.
Und vielleicht sind die Ruhrfestspiele genau der richtige Ort dafür. Nicht als nostalgisches Ritual. Sondern als lebendiger Raum, der berührt, irritiert, aufrüttelt. Der nicht belehrt, sondern erfahrbar macht, was Solidarität bedeuten kann.
Mit „Erschrecken und Erstaunen“- genau wie das Motto der Festspiele 2026.
Denn vielleicht beginnt genau dort etwas Neues: Wenn aus Zuschauern und Konsumenten wieder Beteiligte werden. Dann kann aus einem überschaubaren Demontrationszug wieder eine Bewegung werden, die diesen Namen verdient.
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