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Ein Tag ohne uns – und Deutschland würde merken, was dieses Land am Laufen hält

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von Jochen Welt

Ich habe mich in meiner bundespolitisch aktiven Zeit – auch als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen – stets für eine gesteuerte und damit auch begrenzte Zuwanderung eingesetzt. Das zeigte damals Wirkung. Integration darf nicht nur fördern und versprechen. Sie muss ebenso fordern und Grenzen setzen. In dieser Hinsicht hat die deutsche Migrationspolitik vieles versäumt. Das muss weiter korrigiert werden. 

Doch daraus eine Stimmung gegen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu machen, wie es die AfD mit ihren Parolen tut, ist unmenschlich – und schadet Deutschland selbst. 

Vielleicht braucht es deshalb einen Tag, der die Augen öffnet: „Ein Tag ohne uns“. 

Für einige Stunden könnten Selbstständige mit Einwanderungsgeschichte ihre Geschäfte, Restaurants, Werkstätten und Dienstleistungsbetriebe schließen – so, wie es beispielsweise in Magdeburg bereits geplant.. Gewerkschaften und gesellschaftliche Organisationen, Sozialverbände, Kirchen könnten einen solchen Aktionstag unterstützen.  

Wir alle würde die Folgen sofort spüren. Der Busfahrer aus Syrien hält seinen Bus für eine kurze Zeit an. In der Gastronomie unterbrechen die Bedienungen aus der Ukraine und Marokko ihren Service und stellen sich sichtbar vor das Geschäft. Ähnlich könnte es bei Supermärkten, bei Logistikern und in Krankenhäusern geschehen.  

Was dann sichtbar wird bestätigt die Sozialforschung? In der Gastronomie haben 54 Prozent der Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte, in der Gebäudebetreuung 50 Prozent, bei Bus- und Straßenbahnfahrern 47 Prozent und in der Lagerei sowie bei Verkehrsdienstleistern 42 Prozent. 

Besonders deutlich würde es in den Krankenhäusern: Rund jeder vierte Krankenhausarzt besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit. Hinzu kommen rechnerisch etwa 125.000 Pflegekräfte in Kliniken – sowie zahlreiche eingebürgerte Beschäftigte und Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Reinigung, Küche, Transport und Hauswirtschaft. Im Schnitt haben 40 % der Pflege-, Hilfs- und Servicekräfte eine ausländische Herkunft. Fehlten sie gleichzeitig, müssten Operationen abgesagt, Betten gesperrt und Stationen geschlossen werden. Viele Kliniken könnten nur noch einen Notbetrieb aufrechterhalten oder gar nicht mehr arbeiten. . Fast 90 Prozent der befragten Krankenhäuser bestätigen, dass Beschäftigte aus dem Ausland wesentlich dazu beitragen, die Patientenversorgung personell überhaupt gewährleisten zu können. In der Altenpflege sieht es nicht anders aus.  

Selbstverständlich dürfte ein solcher Aktionstag keine Patienten, Pflegebedürftigen oder andere Hilfsbedürftige gefährden. Notaufnahmen, Intensivstationen und die Versorgung Schwerkranker müssten vollständig gesichert bleiben. Es geht nicht darum, einen Zusammenbruch herbeizuführen. Für eine kurze Zeit soll sichtbar werden, was ohne diese Menschen zusammenbrechen würde. 

Wer „Ausländer raus“ ruft oder gar diejenigen wählen will, die diesen Kahlschlag im Programm haben, sollte einen Moment darüber nachdenken, wer morgens den Bus fährt, Waren liefert, Restaurants und Geschäfte öffnet, Gebäude reinigt, Kranke versorgt und alte Menschen pflegt. 

Ein Tag ohne uns – und Deutschland würde erkennen, was und wer dieses Land Tag für Tag am Laufen hält.

 

 

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